EIN TAG WIE KEIN ANDERER im amerikanischen „Film Comment“

Ein seiner wöchentlichen Kolumne „Deep Focus“ (englisch für „Schärfentiefe“) des renommierten „Film Comment“ macht der amerikanische Kritiker Michael Sragow im Rahmen einer Filmkritik das, was ein Regisseur mit Schärfentiefe erreicht: Jedes Detail bis in den Hintergrund ganz und gar scharf in den Blick zu nehmen und jeden Aspekt eines Films zu betrachten.

Hier Auszüge aus dem hymnischen „Deep Focus“ zur israelischen Tragikomödie EIN TAG WIE KEIN ANDERER (Film Comment, erschienen am 27.4.2017).

EIN TAG WIE KEIN ANDERER ab Donnerstag, 11.5., tgl. 17:00, 21:30 Uhr, Kinos Münchner Freiheit

„Dies ist, was ein Mann in Trauer tun kann – seine Liebe ausdrücken und seine Vision auf den Verstorbenen bei jedem Zuhörer im Gedächtnis zu verankern.“ – Asaph Polonsky

Asaph Polonskys EIN TAG WIE KEIN ANDERER ist eine überraschende israelische Komödie über Trauer. Sie ist trocken, pietätlos, voller Reue, albern und unfassbar reinigend. Polonskys Langfilmdebüt mag klein sein, aber es darf damit angeben, eine kluge und für sich einnehmende Aufnahme von der Selbstsucht des Jammerns und ein unsentimentaler Blick auf den Weg, der davon wegführt, zu sein. Der Film vereinigt Lachen mit dem Schock der Erkenntnis.

Polonsky zeigt seinen Antihelden Eyal Spivak (Shai Avivi) am Ende der Schiwa, der traditionellen jüdischen Trauerwoche, für seinen 25-jährigen Sohn Ronnie, der nach einer langen Krankheit (vermutlich an Krebs) verstorben ist. Der israelische Comedy Star Avivi wurde oft mit Larry David verglichen, und zunächst lässt sich der Film wie ein Riff auf die Serie „Curb Your Enthusiasm“ („Lass es, Larry!“) an. Eyal begeht den letzten Tag der Schiwa, indem er einen Jungen beim Ping Pong besiegt, anstatt mit seiner Frau Vicky (Evgenia Dodina) und den Erwachsenen zusammen zu sein, die ihn besuchen kommen. (…)
Selbst wenn man mit Eyals Verachtung für die Erwachsenenwelt sympathisiert, so portraitiert ihn Avivi doch unerschrocken als einen Mann, der die Trauer als Lizenz zur Selbstvergessenheit benutzt und als willentliche Regression in die Kindheit nimmt. (…)
Das Ergebnis ist ebenso traditionell wie originell – eine beobachtende Tragikomödie oder gar Tragi-Farce, die mehr an eine Episode von „Seinfeld“ als an „Lass es, Larry“ erinnert. Jeder Charaktertick oder eigenwillige Erzählstrang verknüpft sich wie in einem verrückten Flickenteppich miteinander. Aber es geht nicht „um nichts“. Eyal lernt, wie er sich seinem Schmerz stellen kann und wieder ein wirklicher Erwachsener wird.

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